Canning Stock Route '07Wir hatten Perth vor 2 Tagen im Regen verlassen als unser Trupp von 3 komplett ausgestatteten „Buschtaxis“, Geländewagen Marke Toyota Landcruiser, auf die Schotterpiste nach Wiluna abbiegt, stibitzen sich die ersten Sonnenstrahlen des australischen Frühlings aus den Wolken. 2 Kreuzungen, 1 Pub, 1 Store und eine Tankstelle: das ist Wiluna – der südliche Einstieg zur berühmten „Canning Stock Route“, der längsten Offroadstrecke der Welt und gleichzeitig der letzte Aussenposten der Zivilisation für knapp 2000 km. Voller Spannung stehen wir Vier an der Tankstelle und füllen die Tanks randvoll. Es wird erst in ca. 1.000 km eine Möglichkeit zum „Nachladen“ geben, in Form eines gefüllten Spritfasses, welches vor Monaten bei einem Roadhouse bestellt wurde und per Truck an einem verabredeten Platz im Busch stehen soll – ein mulmiges Gefühl.
Wir melden uns beim hiesigen Polizeiposten ab, das ist Pflicht. Direkt am Ortsrand endet der Asphalt sauber abgeschnitten, stattdessen wälzt sich eine Piste wie ein breiter Bandwurm aus Staub und Sand zwischen den Büschen hindurch. Ganz unspektakulär markiert nach ein paar Kilometer eine gelbe Tafel am Wegrand den Einstieg der „CSR“ und weist darauf hin, das nur diejenigen die Strecke befahren dürfen, welche Treibstoff, Essen und Wasser für mindestens 1.900 km mit sich führen. Nun, soweit sind wir ja qualifiziert. Es ist bereits später Nachmittag, als wir auf die einem schlechten Feldweg gleichende „CSR“ zwischen die Büsche abbiegen. Gleich nach den ersten Metern zeigt sie uns ihr Wesen. Wir erhalten unsere erste Lektion im Offraodfahren und müssen mit unseren Buschtaxis einen mit Geröll gespickten, steilen Abhang hinunter kraxeln. Direkt nach der Felsbarriere schlagen wir unser erstes Nachtlager auf, unter traumhaftem Sternenhimmel, mit Lagerfeuerromantik und leckerem Eintopf. Die Nacht wird klirrend kalt. Tagsüber bis 45° Celsius, nachts Frost, darauf waren wir gefasst. Mit klammen Gliedern schäle ich mich beim ersten fahlen Licht der Morgendämmerung aus meinem Schlafsack im Dachzelt.
Der Moment, vor dem ich Bammel hatte, ist da: die all morgendliche Körperpflege im Openairbuschbad. Wir stellen Wasserkanister auf die Motorhauben und haben so etwas wie „tröpfelnd“ statt „fließend“ Wasser. Klappt aber überraschend gut. Die Strecke ruft und wir folgen gerne. Die „Canning“ schlängelt sich, mal mehr, mal weniger sichtbar von Well zu Well (ein Well ist ein Wasserloch). 52 an der Zahl auf 1.950 Kilometer verteilt. Die Landschaft ist vielfältig und schön, sanfte Hügel wechseln ständig mit Buschland und Ebenen mit stacheligem Spinnifexgras sowie einzelnen Salzpfannen ab. Die Tierwelt zeigt sich präsent. Noch sind wir auf „ Cattle Country“, neben ungezähmten Rindern sehen wir Schwärme von Kakadus, einige Kängurus und Warane und überraschen ein Kamel, das es sich auf der Piste bequem gemacht hatte und ärgerlich blubbert vor uns im Busch verschwindet. Zur Teepause werden wir von 2 Emus in weitem Bogen umrundet die uns genau begutachten. Die riesigen Vögel haben kaum Scheu. Nahe dem paradiesisch schönen Billabong „Windich Springs“, dem Well 4A, erwartet uns nach der wiederum sehr frostigen Nacht die „CSR“ mit der ersten Sanddrifterfahrung.
Wir treffen auf Dünen, nicht besonders hoch, aber der Sand ist puderfein, vor allem auf der Spitze. Drüber geht es nur mit zugeschalteter Untersetzung und viel Schwung. Nicht ganz ungefährlich, denn die CSR ist keine „Einbahnstrasse“. Um eine Kollision auf den Dünenkämmen zu vermeiden, wird an unserem Begleitfahrzeug eine lange Stange mit einem knallroten Plastikstück als Fahne verzurrt. Später sehen wir, dass unsere wenigen Mitstreiter die gleiche Idee hatten. Auch die Natur um uns schmückt sich mit Formen und Farben; das Feuerrot der Dünen wird gekrönt von gelb, rot und lila blühenden Büschen, denn wir erleben den Beginn eines Naturwunders: die Wildblumenblüte in der Wüste! Im Hintergrund krallen sich die Äste abgestorbener Bäume wie mit skelettierten Geisterhänden in den strahlend blauen Mittagshimmel, als rängen sie um Wasser. Als ob ihre Bemühungen von zweifelhaften Erfolg gekrönt wären, erstreckt sich unvermittelt hinter dem nächsten Dünenkamm eine weiß glitzernde Fläche: ein großer Salzsee. Bizarre Strukturen aus Salzkristallen wachsen aus dem Boden, und gleißend spiegelt sich das Licht auf der trügerischen Salzkruste.
Eine Fata Morgana gaukelt mir das ferne Ufer der anderen Seite als ganz nah und erreichbar vor. Es ist jetzt sehr heiß, aber wir können unsere Klimaanlage nicht nutzen, sie würde den Spritverbrauch zu sehr steigern. Also fahren wir mit offenen Fenstern und alles im Wageninneren ist voller feinstem, hellrotem Staub, auch wir selbst sind komplett bepudert. Unseren Trucks ergeht es nicht besser. Denn die Äste des Gestrüpps, das in die Spur hereinreicht, kratzt derb an den Flanken der Fahrzeuge entlang und zerfurcht den Lack. Die Piste wird schlagartig schwieriger, tiefe Washouts und Spurrillen wechseln mit „Bulldust“ füllten Sandlöchern; vereinzelte verrostete, ausgebrannte Autowracks zeigen uns, was einigen glücklosen Reisenden vor uns passiert ist. Die CSR verzeiht keine Unachtsamkeit und Leichtsinn! Wir können unsere Wasservorräte noch einmal bei Well 6, dem so genannten „Pierre Springs“ auffüllen. Das ist ein restaurierter Brunnen mit klarem gutem Wasser; nicht selbstverständlich, denn die meisten der 52 Brunnen sind versalzt, versandet oder das Wasser ist faulig und unbrauchbar. Am Well 10 verlassen wir das Cattle Country, ab jetzt sind wir im Niemandsland.
Einen Tag später haben wir die Abzweigung zu den Calvert Rangers erreicht. Diese Gesteinsformation mit uralten Felsmalereien der Aboriginal People liegt weit ab der eigentlichen CSR. Wir haben genug Sprit und wagen uns auf die extra Strecke. Die knapp 60 km hierher haben es in sich. Sehr hohe Dünen mit extrem weichem Sand, in dem ich zweimal stecken bleibe, und überwuchert von Spinnifexgras. Ein wahres Nirvarna für alle Echsen und Schlangen. Unser Ziel jedoch entschädigt uns für alle Strapazen: Bei Sonnenuntergang erreichen wir die in unwirklichem, intensiven Rot glühenden Felsen. Wir 4 sind komplett allein. Der nächste Morgen wird für eine kurze Wanderung durch das kleine Tal zwischen den Felsen genutzt. Eine Quelle, ein Bach, viel Grün! Metallisch schimmernde Libellen und hunderte von Wellensittichen umschwirren uns, sogar Frösche quaken zwischen den Schilfbüscheln, die Felsmalereien schmiegen sich unter die Klippen. Ein magischer Ort mit einer ganz eigenen Aura.
Plötzlich auffrischender starker Wind scheint uns aufzufordern, den Platz zu verlassen. Wir folgen diesem „Wink der Geister“ und kehren zurück auf die CSR. Nach 2 Tagen anstrengender Fahrt durch schwieriges Gelände weist uns ein rostiges Ölfass am Rand des Tracks den Weg zur Abzweigung nach „Durba Springs“. Eine wunderschöne Oase, eine Wiese, gesäumt von riesigen Geistereukalypten am Fuße eine Felsplateaus, an dessen Grund sich ein kleiner See ausbreitet. Leider ist dieser Platz bekannt und so treffen wir auf 7 Camps – zu viele Menschen, wir flüchten wieder in die Stille des Outbacks. Tag 9, die kälT***e Nacht bisher! Eine dicke Eiskruste bedeckt das unbenutzte zweite Zelt unseres Offroaders. Als morgendlichen Workout heißt es Reifenwechseln, wir hatten uns gestern ein Stückchen Holz eingefahren. Die „Little Sandy Desert“, die wir bisher durchquert hatten, endet und geht in die „Gibson Desert“ über.
Diese ist wesentlich rauer und trockener, viel weniger Vegetation, aber viel mehr Kamele! Am Ufer des riesigen „Lake Disappointment“ zwingt uns ein Fluss aus Salzwasser zu einem Umweg. Der „Savoy Creek“ ist zwar sagenhaft schön, aber nicht durchquerbar. Im Salzschlamm bleibt alles stecken, wie ein Kamelgerippe beweißt. Jetzt haben wir etwa die Hälfte der CSR bewältigt und nähern uns dem Well 23, dem Treibstoffdepot. Wir finden unser Fass, und betanken per Handpumpe unsere 3 Fahrzeuge. Ein paar Kilometer weiter befindet sich die „Kunawarritji Community“, eine Aboriginal Gemeinde. Betreten ist nicht erwünscht, aber etwas abseits gibt es einen kleinen Shop mit einem mageren Angebot von überteuerten Grundnahrungsmitteln und eine Nottankstelle für diejenigen, deren vorbestelltes Spritfass Beine bekommen hat. „Kunawarritji“ liegt an der Kreuzung mit dem „Talawa Track“, der nach ca. 1.000 km die einzige Möglichkeit darstellt, die CSR vorzeitig zu verlassen.
Die nächsten Tage sind anstrengende Fahrerei. In der „Gibson Desert“ ist es sehr heiß, fast jedes Wasserloch ist verfallen und trocken. Bei Well 38 treffen wir eine Gruppe Namens „Landgate“; Leute, die es sich zu Aufgabe gemacht haben die CSR in gutem Zustand zu halten. Von Ihnen erfahren wir viel Wissenswertes über Fauna, Flora und Historie. Kurz vor Well 40, dem „Tobin’s Grab“ (Tobin war ein Landvermesser und wurde von Aboriginals ermordet) wankt ein mageres, einäugiges Kamel durch die Dünen, als verkörpere es Tobin’s Geist. Ein unheimlicher Ort den ich gerne wieder schnell verlasse. Die „Gibson Desert“ geht jetzt in die „Great Sandy Desert“ über, es gibt wieder mehr Vegetation, und wir treffen auf die ersten Termitenhügel. Die Tierchen bauen wo sie wollen, also auch auf der Piste, was unsere Fahrzeuge zu spüren bekommen, wenn wir mal wieder über einen Termitenhügel hinweg fahren und dessen Spitze abmähen. Ist aber unmöglich, jedem Hindernis auszuweichen.
Unsere Durchschnittsgeschwindigkeit liegt zwischen 40 und 50 kmh und ins Gestrüpp auszuweichen hieße unweigerlich eine Reifenpanne zu riskieren. Jeder unserer Lagerplätze bisher hatte seinen eigenen Reiz. Der des heutigen Abends bietet noch eine extra Show: durch die Flammen des Lagerfeuers angezogen tanzen tausende von Nachtfaltern durch das flackernde Licht, die, wenn sie der Hitze zu Nahe kommen und abstürzen, von riesigen Spinnen gekrallt werden, welche wie kleine Monster aus einem B-Movie aus den Spinnifexbüschen krabbeln. Eine Tagesreise vor „Billiluna“ und „Halls Creek“, die den oberen Ausstieg der CSR markieren, erreichen wir die „Breaden Hills“, einen der schönsten Plätze auf der CSR, malerisch gelegen zwischen wogenden, goldfarbenen Grasebenen. Sie bieten uns einen letzen, einsamen Campplatz. In der Nacht heulen Dingos und schleichen um unsere kleine Wagenburg. Die letzen 100 Kilometer spulen wir wie von selbst ab, und genauso unspektakulär wie sie vor 12 Tagen begonnen hatte endet die CSR an einem Baum mit einfachem Blechschild bei Well 52. Wir freuen uns auf die Duschen des Campingplatzes in „Halls Creek“ und auf ein kühles Bier.
Bye bye, und auf Wiedersehen „Canning“ – du warst atemberaubend!
Kristina Strinz, im Sommer 2007 |